Tiere : Alkoholismus weit verbreitet

ONE WORD BARFINDER


Hohe Dunkelziffer bei Tieralkoholismus

Die Neigung, über den Durst zu trinken, ist auch bei Tierenverbreitet. Ein Institut in England legt alkoholkranke Esel trocken.


Die Soldaten salutierten, die Militärkapelle spielte, vomSchellenbaum erklang der Ruf nach Pflichterfüllung. Doch wodie im Eselsherzen sitzt, hatte Gordon offenbar ein Vakuum.
Sichtlich angesoffen war er zur Parade angetreten, hatte beim Defilieren gekreischt wie ein naher Verwandter der Kreissäge und dann auch noch den Attaché aus Madrid molestiert, der ein kegelförmiges Insigne seines Amtes in den Händen hielt - freilich nur so lange, bis Gordon dem Spanier seinen großen Suffkopp in die Cojones rammte und mit der vermeintlichen Flasche von hinnen lief.
Mit einem Patienten wie Gordon, dem Maskottchen der Royal Hussars, der beim Militär trunksüchtig wurde, hatte Dr. Elisabeth Svendsen noch nicht zu tun. Dafür aber mit zivilen Eseln, denen sie in ihrem Donkey Sanctuary, dem weltgrößten Refugium für heimatlose Esel im Südwesten Englands, das Saufen abgewöhnen mußte - alles schwerentziehbare Alkoholiker, die wie viele, allzu viele Esel irgendwann im Laufe ihres Lebens an die Flasche gerieten.
Der Esel mit Namen Bracken zum Beispiel fand eines Tages den Weg in den Pub neben seiner Weide, wo er fortan immer willkommen war. Georgina leistete einer Dame aus gehobener Schicht bei der nachmittäglichen Zufuhr von Gin Tonics Gesellschaft. Um diese Zeit hatte Vanessa schon ordentlich einen in der Kirsche, weil sie mit den Arbeitern im Steinbruch am Ende ihrer Wiese zum Lunch immer ein paar Bierchen zischte. Michel verkam gar zum Schwarzbrennerer schlürfte in einer schottischen Whisky-Destille von der Maische, die er dann in seinem Verdauungsschlauch zu Alkohol vergor.
Die Klientel in der Entzugsabteilung von Dr. Svendsens Sanktuarium nahe Sidmouth in Devon verkörpert ein von Biologen ausdauernd beforschtes Phänomen, das trotz zahlreicher, mitunter bewegender wissenschaftlicher Publikationen etwa über die Trinkfolgen beim Fisch bislang keine öffentliche Aufmerksamkeit fand. Dabei sind die Erkenntnisse der Experten oftmals so bizarr wie die Methoden, die zu ihnen führten. Fazit dieser Forschung, deren Spektrum sich vom Insekt bis hin zu Elefanten und anderen Vertretern der Großfauna erstreckt: Im Tierreich wird gesoffen, daß es auf keine Kuhhaut geht.
Hoch ist die Dunkelziffer, entsprechend groß die Zahl der anonymen Alkoholiker unter den Tieren. Denn nur wenige werden öffentlich auffällig und damit namhaft - wie etwa die schwarze Bergziege aus Texas, die als "Six-Pack-Kid" bekannt wurde, weil sie von Ausflüglern konfiszierte Bierdosen mit den Zähnen knackte und in einem Zuge leerte. Oder wie Firey Noon, den "Säufer der Rennbahn", der - fast filmreif, wieLee Marvins Pferd in "Cat Ballou" - seinen Hafer stets mit einem Trog Starkbier hinunterspülte.
"Wenn sie den Zustand der alkoholischen Euphorie einmal erlebt haben, tun die meisten höheren und niederen Lebewesen alles, um ihn sich wieder zu verschaffen", resümiert derBiologe Gerard Leipman. Der Amerikaner bereicherte das Wissen um die animale Trunksucht kürzlich durch die Erkenntnis, daß sich trunkgewohnte Hornissen bis zur Flugunfähigkeit vollaufen lassen, am liebsten mit alkoholhaltigen Säften.
Auch Fledermäuse fliegen im Vollsuff, allerdings nicht besonders lange, wie die Forscher feststellten: Entweder klatschen sie orientierungslos gegen Hindernisse, oder sie rammen sich per Sturzflug senkrecht ins Erdreich. Vernünftig hingegen ist der distinguierte Waschbär, der sogar Flaschen eigenhändig entkorken kann, aber zu trinken aufhört, bevor er zuviel intus hat.
Schimpansen sind typische "Spiegeltrinker", wie Experten jene Säufer nennen, die ihren Alkoholpegel im Blut konstant auf mittlerem Suff-Niveau halten. Um ihr Rausch-Plateau erst einmal zu erklimmen, schütteten Affen beim Versuchstrinken im Testlabor innerhalb weniger Minuten 0,6 Liter 40prozentigen Alkohol in sich hinein - vorzugsweise in Form von Wodka, wie die Forscher in umfangreichen Degustationen ermittelten, aber auch Sherry und Portweine wurden gern genommen.
"Beim Menschen wie beim Affen ist die Selbstverwaltung des Alkohols die Selbstverwaltung des Rausches", konstatiert kryptisch der amerikanische Pharmakologie-Professor Ronald Siegel, der allerdings vorwiegend Elefanten besoffen macht - immer wieder ein teures Unterfangen, denn die Viecher rüsseln mit bis zu 75 Litern pro Sitzung ordentlich was weg; am liebsten mögen sie, wie Siegel in Versuchsreihen ermittelte, Alkoholisches mit Minzgeschmack.
An Stoff zur Befriedigung ihrer narkotischen Bedürfnisse kommt die Tierwelt hauptsächlich:
* durch gärende Getreide, Säfte oder Früchte bestimmter Palmen, zu denen die Tiere Afrikas und Asiens jedes Jahr zur Reifezeit von weit her wallen, um sich haltlos zu bedröhnen - Kneipen der Natur, voll mit stolpernden Giraffen, torkelnden Büffeln, Elefanten, Warzenschweinen und Tapiren, die in Autoskooter-Manier mit reihernden Affen und bergab purzelnden Zebras kollidieren oder gleich kollabieren;
* durch fleißige Forscher, die im Dienst der Wissenschaft erhebliche Teile der belebten Natur unter Alkohol gesetzt und so zum Beispiel die Trinkfestigkeit der verschiedenen Tiergruppen ermittelt haben: Am meisten verträgt der Vogel, der noch bei einem Suff-Äquivalent von 3,1 Promille flugtauglich ist; am wenigsten der Fisch - schon nach ein paar Spritzern Alk im Aquarium schwimmt er entseelt bauchoben;
* durch juxgeplagte Menschen, die ihnen zugängliche Vertreter der behaarten und gefiederten Fauna auch mal schwanken sehen wollen - so kamen die Esel ins Verderben, die sich in Frau Dr. Svendsens segensreichem Institut einer Entziehungskur unterwerfen mußten. Exemplarisch ist der Weg, den Bracken nahm, nachdem er seinen Kopf durch das Fenster des Pubs gereckt hatte, das sein Schicksal werden sollte.
Sofort gab ihm eine feuchte Frohnatur ein Bier aus. Fortan kam er jeden Abend und amüsierte seine grobkörnigen Zechgenossen in der ländlichen Trinkstätte, indem er Flaschen am Hals ins Maul nahm und dann mit erhobenem Kopf leerte. Auch Spirituosen kippte er bald auf ex, Biergläser hob er mit den Lippen hoch, allzeit trank er volle Pulle.
"Kein Tier", bedauert Elisabeth Svendsen, "ist durch alkoholischen Unfug derart gefährdet wie der Esel." Denn keines ist so komisch, wenn es betrunken ist - nur Gemüter mit einem sehr erwachsenen Humor können nicht darüber lachen, wenn den Tieren etwa die großen Ohren unkontrollierbar am Kopfe kreisen wie zwei asynchron rotierende Propeller.
In schweren Fällen wie dem von Bracken hat sich das Therapieverfahren der graduellen Reduktion bewährt, bei dem der Patient allmählich immer geringere Alkoholdosen verabreicht bekommt. Minder schwere Säufer werden im Donkey Sanctuary gleich auf Null gesetzt - fünf Tage dauert die Entzugskrise in der Regel, sie muß grausam sein: Die Esel geben in dieser Zeit Töne von sich, die an den Ruf eines hustenkranken Muezzins erinnern.
Der englische Militäresel Gordon, wohl eher an den Kasernenhofton gewöhnt, soff hingegen für den Rest seines Lebens. Aber viel war davon ohnehin nicht mehr übrig.
Denn schon bald erfüllte er doch noch seine Soldatenpflicht, indem er sich 1915 für König und Vaterland von einer deutschen Granate zerfetzen ließ. Hoffentlich hatte der Gute vorher noch ordentlich einen geladen.

from : Der Spiegel
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