Kulturgeschichte des Katers

ONE WORD BARFINDER

Das letzte Pils war schlecht
Hangover im Duden

Aschermittwoch im Hirn: Wer zuviel zecht, bringt seinen biochemischen Haushalt durcheinander - eine Kulturgeschichte des Katers
- VON WOLFGANG KRISCHKE -

Spitz bohrt er die Krallen ins Hirn. Klopft mit dem Schweif gegen die Schädeldecke. Maunzt durch den pelzigen Mund des Zechers in den bleiernen Morgen. Der Kater ist da, die haßgeliebte Kopfgeburt, gezeugt und getragen in einer Nacht voller Rausch und Rauch. Im Hirn bricht Aschermittwoch an. "Zustand trauriger Verstimmung mit Selbstvorwürfen und Selbstentwertungsabsichten nach Alkoholgenuß", konstatiert streng die Gesundheitsfibel. Doch ganz so bierernst brummt der Kater meist nicht. Denn in die Reue mischt sich auch rechtschaffener Stolz: Den haben wir uns verdient!

Briten verspüren den Hangover oder das Morning-after-Feeling, bei den Norwegern hämmern "Zimmerleute im Kopf", die Schwaben haben "Haarweh". Universaldichter Goethe betrachtet die Sache grenzüberschreitend: "Herr, so späte schleichst du heut aus deiner Kammer. Perser nennen's Bidamag baden, Deutsche sagen Katzenjammer." Als im neunzehnten Jahrhundert in der Leipziger Studentensprache der Katzenjammer mit dem "moralischen Katarrh" verschmolz, kam der "Kater" auf den festen Begriff. Sein Revier ist das Feuchtbiotop der Kneipen und Feste. Und mitunter klettert er sogar empor in die Sphären des Weltschmerzes: "Wir suchen das Leben des ewigen Rausches. Und was wir schließlich finden, ist nichts wie - ein lebenslanger Kater", murrt der Schriftsteller Hermann Sudermann.

Das namenspendende Tier kann für all das nichts: Gerade Katzen sind standhafte Abstinenzler, wie Versuche zeigen. Während Hamster, Schimpansen oder Drosseln einen guten Tropfen nicht verschmähen, verweigern Katzen normalerweise Alkohol auch in kleinen Mengen. Sie lassen selbst Milch mit Schuß zurückgehen. Der anschwellende Katzengesang im dicken Kopf ist das mißtönende Finale, das schon bei der beschwingten Ouvertüre zu ahnen war. Mag der Trinker auch die Schuld dem Trunk zuschieben - das letzte Pils muß schlecht gewesen sein -, der Kater ist schlicht und einfach die Quittung für einen willentlich herbeigeführten Anschlag auf das eigene Zentralnervensystem. Geführt wird er mit relativ ehrlichen Giften wie Bier, Wein oder Korn, aber auch mit tückischen Tatwaffen wie süßem Schnaps und klebrigem Schaumwein, schillernden Longdrinks und duftendem Punsch.

Die Elixiere des Teufels und Schädelspalter sind die Nährlösung für wahre Kampfkater. Und so wird manch großmäuliger Kampftrinker im Morgengrauen zum Ritter von trauriger Gestalt. Beim peinvollen Erwachen hängt der biochemische Haussegen schief. Mineralsalze fehlen, der Hormon- und Stoffwechselhaushalt ist durcheinander. Gärungsrückstände, Aroma- und Farbstoffe behindern die Kommunikation der hirninternen Nervenzellen, die Blutgefäße sind erweitert. Es hämmert gegen die Schläfen, pocht und dröhnt, rast und klopft. Nur nicht bewegen! Ein Cocktail aus Stumpfheit und Schmerz schwappt im Kopf. Melancholisch-morbide beschwört der Heide-Barde Hermann Löns die endgültige, die katerlose Betäubung: "Man kredenzt den letzten Becher / Und bringt aus den letzten Toast: / Frohen Rausch und kein Erwachen / Ewige Narkose, Prost!"

Abhilfe gegen den katzenjämmerlichen Notstand versprechen diverse Rezepte. Mit öligem Thunfisch soll man vor dem Umtrunk den Magen gegen den Alkohol auskleistern. Um dann noch mehr zu trinken, denn schließlich: Der Fisch muß schwimmen! Ist der Kater erst einmal da, schallt es aus dem Volksmund: Aufhören, womit man angefangen hat! Aber wer kann sich daran noch erinnern? Und selbst wenn - der bloße Gedanke ans Katerfrühstück mit "lütjer Lage" oder "kleinem Herrengedeck" treibt noch mehr Schweiß auf die gemarterte Stirn.

Schaudern läßt manch verquollenen Schluckspecht auch der Gesundheitsratgeber, der dem Kater mit Orangensaft, frischer Luft und kalten Duschen zu Leibe rücken will. Viele schwören auf die wohltuende Wirkung des Kaffees, verstärkt womöglich durch das eine oder andere Aspirin. Umstritten ist allerdings, ob man die kleinen weißen Helferlein schon vor der Party einwerfen sollte.

Plinius der Ältere setzte den Römern zum Katerfrühstück sechs rohe Euleneier auf die Speisekarte. In nördlichen Breiten gilt der Rollmops als unschlagbares Hausmittel. "Wer baß singt und trinkt und wirbt / Den lehrt die Erfahrung / Auch der grimmste Kater stirbt / Doch am sauren Harung", stand im alten Berlin frohgemut über mancher Kneipentür. Wem der Anblick der glitschigen Kost erst einmal den Magen umdreht, der sollte wenigstens danach zugreifen: In diesem Fall sei "der instinktive Wunsch, Salziges zu sich zu nehmen, objektiv richtig", verkündet der Brockhaus.

Aber bei allem Jammern und Stöhnen: Die meisten Zecher möchten den Kater garnicht wirklich missen. Denn er hat etwas Beruhigendes: Aus den künstlichen Paradiesen und Abgründen des Rausches holt er uns auf die Erde zurück. Der Ordnungswidrigkeit läßt er die Buße folgen, ein tröstliches Zeichen der natürlichen Gerechtigkeit. Und wann spürt man den Kopf so intensiv, wird man der Körperlichkeit des Geistes so bewußt wie im verkaterten Zustand? Wie sanft der Schmerz dann abebbt. Der Kater flieht nicht abrupt. Diskret verläßt er den Schädel, schleicht sich langsam auf Samtpfoten hinweg, bleibt stehen und macht einen Buckel, schaut noch einmal zurück, bevor er verschwindet. Und ist irgendwann wieder da. Denn der Kater wird uns erhalten bleiben. Zu den bedrohten Tierarten gehört er nicht.


Quelle : Das Sonntagsblatt - Nr. 7 /1995
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